Warum ist Ilja Ehrenburg, den einst das ganze Land las, aus dem Leseerlebnis neuer Generationen fast verschwunden? Und warum klingen seine Bücher gerade jetzt wieder unerwartet aktuell? Antworten auf diese Fragen suchten die Macher des zukünftigen Films gemeinsam mit dem Schriftsteller und Künstler Pawel Pepperstein sowie der Kunsthistorikerin, Kunstproduzentin und Sammlerin Ljubow Agafonowa, Gründerin der Galerie „Vellum“.
Einer der wichtigsten Drehtage für den Dokumentarfilm „Ilja Ehrenburgs Siegestag“ ging auf Nikolina Gora zu Ende. Gedreht wird der Film von Regisseur Artemy Belov und dem Studio „Cinema Line“ („Mosfilm“) mit Unterstützung des Präsidenten-Fonds für kulturelle Initiativen.
Gäste der neuen Folge waren Pawel Pepperstein und Ljubow Agafonowa. Bereits die Auswahl der Gesprächspartner verrät die Intention des Films: Die Macher interessieren sich nicht nur für Ehrenburgs Biografie, sondern auch für seine Präsenz in der heutigen Kultur. Warum wenden sich Menschen, die die heutige künstlerische und intellektuelle Agenda maßgeblich mitgestalten, Jahrzehnte später wieder diesem Schriftsteller zu?
Ilja Ehrenburg bleibt eine der komplexesten und am schwersten zu erklärenden Figuren des russischen 20. Jahrhunderts. Als Schriftsteller, Journalist und Kriegskorrespondent, als Zeuge von Revolutionen und Kriegen, als Freund von Pablo Picasso und führenden europäischen Künstlern, als Autor der Erzählung „Auftauung“, deren Titel zur Bezeichnung einer ganzen Epoche wurde, gehörte er gleichzeitig mehreren Welten an: der sowjetischen und der europäischen, der literarischen und der künstlerischen.
Als Drehort wurde nicht zufällig Nikolina Gora gewählt – ein legendäres, altes Datscha-Dorf, in dem sich über Jahrzehnte hinweg Schriftsteller, Künstler, Regisseure, Wissenschaftler und Musiker trafen. In dieser Umgebung erhält das Gespräch über Ehrenburg eine besondere Intonation. Es ist nicht mehr nur die Geschichte eines einzelnen Menschen, sondern auch ein Gespräch über kulturelles Gedächtnis, das in alten Häusern, Familienbibliotheken und Büchern weiterlebt, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Pawel Pepperstein erinnert sich an mehrere Werke Ehrenburgs – „Julio Jurenito“, „Das Ende Europas“, „13 Röhren“. Doch statt einer gewohnten literaturwissenschaftlichen Analyse versucht er, die innere Natur dieses Autors zu ergründen. Die Formel für Ehrenburg findet Pepperstein unerwartet und treffend:
„sentimentale Haltung zum Zynismus“.
Besonders aktuell, seiner Meinung nach, wirkt heute der Roman „Das Ende Europas“. Vor fast hundert Jahren schuf Ehrenburg darin ein Bild einer langsam verschwindenden europäischen Welt – ein Raum der Kriege, Epidemien und zivilisatorischen Katastrophen. Nun werden viele dieser Bilder nicht mehr als literarische Fantasie gelesen, sondern als beunruhigende Vorahnung der Zukunft.
Einer der zentralen Abschnitte des Films wird das Gespräch Peppersteins mit Ljubow Agafonowa sein. Sie formuliert die Frage, die den gesamten Film durchzieht: Warum ist der Schriftsteller, der einst fast jedem Leser des Landes bekannt war, heute von der neuen Generation fast vergessen – und warum ist es gerade jetzt so wichtig, ihn neu zu entdecken?
Darüber nachdenkend erinnert sich Pepperstein an das besondere Phänomen der alten Datscha-Bibliothek. Im Sommer findet man in dem Haus, in dem eine Familie seit Jahrzehnten lebt, auf den Regalen zufällige Bücher, als ob sie von niemandem bewusst ausgewählt worden wären. Sie riechen nach Druckerschwärze, altem Papier, Regen, Winterschnee und der Datscha selbst. Und manchmal prägen gerade solche Funde den Leser stärker als sorgfältig ausgewählte literarische Neuheiten.
Für Pepperstein selbst wurde Ehrenburg zu einem solchen Buch – fast zufällig gefunden, aber für immer geblieben.
„Nicht umsonst nehmen wir dieses Gespräch in der Atmosphäre einer klassischen Datscha in der Nähe von Moskau auf“, bemerkt der Schriftsteller.
Während der Dreharbeiten bekam der Film einen weiteren, völlig unerwarteten Helden – die graue Datscha-Katze Dyimok. Mehrmals spazierte sie unbeeindruckt vor der Kamera vorbei, ohne den geringsten Wunsch zu zeigen, der Filmcrew die Bühne zu überlassen. Dyimok wurde nicht verscheucht. Vielleicht bleibt ihr kleines Cameo auch in der endgültigen Fassung des Films erhalten – als ein weiteres lebendiges Detail der Datscha-Welt, in der Bücher, Erinnerungen und die Gegenwart unbemerkt ihr Gespräch fortsetzen.
Dmitry Yurov







